Wer den Philosophenweg zu Ende geht und weiter auf den Heiligenberg steigt, stößt auf eine der eindrücklichsten und verstörendsten Bauwerke Heidelbergs: die Thingstätte. Das Freilichttheater aus massivem Sandstein fasste 8.000 Zuschauerinnen, liegt eingebettet im Wald und ist auch heute noch zugänglich. Gleichzeitig ist die Anlage ein wichtiges Dokument der nationalsozialistischen Kulturpolitik.
Was ist die Thingstätte?
Die Thingstätte ist ein Freilichttheater, das zwischen 1934 und 1935 gebaut wurde. Sie gehört zu den sogenannten Thingplätzen, die die Nationalsozialisten in ganz Deutschland errichteten. Das Konzept stammt aus der germanischen Überlieferung: Die „Thing“ war die Volksversammlung germanischer Stämme. Die Nazis instrumentalisierten dieses Bild, um eine archaische Volksgemeinschaft zu inszenieren. Geplant waren ursprünglich 400 solcher Freilichtbühnen im ganzen Reich, gebaut wurden letztlich rund 40.
Die Heidelberger Thingstätte war eine der ersten und größten. Sie liegt auf dem Heiligenberg und nutzt die natürliche Amphitheater-Form des Geländes. Auf steinernen Sitzstufen können über 8.000 Menschen Platz nehmen. Die Bühne ist ebenerdig in den Hang eingelassen, dahinter öffnet sich der Blick in den Wald. Die Bauarbeiten wurden von der Wehrmacht und Arbeitslosen aus dem Umland ausgeführt.
Geschichte und Bedeutung im Nationalsozialismus
Die Thingstätte wurde am 22. Juni 1935 eingeweiht, anlässlich der Sommersonnenwende. Die Eröffnungsfeier war ein Massenspektakel mit tausenden Teilnehmenden aus der Umgebung. In den folgenden Jahren fanden auf der Thingstätte Aufführungen statt, die sogenannte Thing-Spiele, eine Mischung aus Liturgie, Chorgesang, Massenszenen und politischer Propaganda. Das Publikum war dabei nicht passiver Zuschauer, sondern Teil der Inszenierung.
Das Thing-Bewegung verlor jedoch schon ab 1937 an Bedeutung, da Goebbels das Konzept als zu elitär und wenig volksnah verwarf. Viele der geplanten Thingplätze wurden nie gebaut. Die Heidelberger Anlage blieb dennoch bestehen und wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg für Konzerte und Freilichtveranstaltungen genutzt.
Warum kein Walpurgisfest mehr?
Jahrelang zog die Thingstätte am Abend des 30. April Tausende an, die dort Walpurgisnacht feiern wollten. Die Stadt Heidelberg hat die Veranstaltungen inzwischen verboten. Hintergrund sind mehrere sicherheitsrelevante Vorfälle der Vergangenheit: Übergriffe, Sachbeschädigungen, Lagerfeuer an sensiblen Stellen und eine unüberschaubare Menge in unwegsamem Gelände. Eine städtische Gefährdungsbeurteilung stellte eine Reihe von hohen und teils unzumutbaren Gefahrenquellen fest. Seitdem gilt: Auf der Thingstätte findet keine Walpurgisnachtfeier statt. Das gilt auch für 2026.
Besuch heute: Was zu sehen ist
| Info | Details |
|---|---|
| Zugang | Kostenlos, ganzjährig; Wanderweg vom Philosophenweg oder Schlangenweg |
| Lage | Heiligenberg, oberhalb des Philosophenwegs, ca. 30 Min. Aufstieg |
| Kombination | Gut kombinierbar mit Klosterruinen und keltischem Ringwall auf dem Heiligenberg |
| Schuhe | Festes Schuhwerk dringend empfohlen, Waldweg und Steinstufen |
| Historische Einordnung | Informationstafeln vor Ort erläutern Geschichte und Kontext |
Quelle: Stadt Heidelberg · Wikipedia: Thingstätte Heidelberg
Foto: Pexels, Pexels (kostenlos nutzbar)





