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Energiewende in Baden-Württemberg: Stand 2026, Windkraft-Aufholjagd und was Heidelberger tun können

Baden-Württemberg hinkt beim Ökostrom hinterher, holt aber auf. 74 Prozent der installierten erneuerbaren Leistung sind Solar, Windkraft erlebt 2025 ein Rekordjahr bei Genehmigungen. Ein Leitartikel zu Zahlen, Hintergründen und konkreten Tipps für Heidelberg.

Windräder und Solarpanele in der Landschaft

Deutschland erzeugte im ersten Quartal 2026 rund 53 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien, fast sechs Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum. Bundesweit läuft die Energiewende. Baden-Württemberg jedoch hinkt hinterher. Warum das so ist, was das Land trotzdem richtig macht, und was Heidelbergerinnen konkret tun können, erklärt dieser Leitartikel.

Warum steht Baden-Württemberg beim Ökostrom schlechter da als der Rest?

Der Südwesten hat lange auf Atomkraft gesetzt. Mit dem letzten aktiven Kernkraftwerk, das im April 2023 endgültig vom Netz ging, verlor Baden-Württemberg erhebliche Erzeugungskapazitäten, die seither durch erneuerbare Energien ersetzt werden müssen. Gleichzeitig gilt Baden-Württemberg als windschwaches Bundesland, das topographisch schlechtere Voraussetzungen für Windkraft hat als der windreiche Norden. Das Ergebnis: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung lag 2022 bei rund 36 Prozent, während Deutschland insgesamt schon bei deutlich höheren Werten lag.

Der Energiemix Baden-Württembergs im Überblick

Energiequelle Anteil an installierter Leistung Besonderheit
Photovoltaik 74 % der installierten Ökostromleistung Stärkstes Wachstum; an sonnigen Sommertagen deckt Solar mittags über 100 % des BW-Verbrauchs
Windkraft 13 % der installierten Ökostromleistung 2025 Rekordjahr bei Genehmigungen: 100 Anlagen mit 660 MW; größtes Ausbaupotenzial
Wasserkraft 6 % der installierten Leistung Rund 12 % der Stromerzeugung; dreimal höher als Bundesdurchschnitt; Neckar, Rhein, Schwarzwald
Biomasse 7 % der installierten Leistung Relevant im ländlichen Raum, stabile Grundlast
Erdgas Übergangsenergieträger Weiterhin im Einsatz, soll mittelfristig durch Wasserstoff ersetzt werden

Windkraft: Langer Stau, jetzt Aufholjagd

Jahrelang gab es in Baden-Württemberg kaum neue Windräder. Bürgerproteste, langwierige Genehmigungsverfahren und fehlende Flächenausweisungen blockierten den Ausbau. Seit 2022 hat die Landesregierung gegengesteuert: Eine Task Force Erneuerbare Energien schuf neue Genehmigungsstrukturen, digitale Antragstellung wurde ausgerollt, und 1,8 Prozent der Landesfläche werden gezielt für Windenergie ausgewiesen. Im Staatswald stehen inzwischen über 8.000 Hektar für Windkraftprojekte bereit. Das Ergebnis: 2025 war ein Rekordjahr bei Genehmigungen in Baden-Württemberg.

Insgesamt sind in Baden-Württemberg aktuell knapp 14.000 Megawatt erneuerbare Stromerzeugungsleistung installiert. Um die gesetzlichen Klimaziele zu erreichen, braucht das Land bis 2040 rund 53.000 Megawatt, also fast das Vierfache des heutigen Stands. Der Weg ist noch weit.

Deutschland 2026: Wo steht die Energiewende bundesweit?

Kennzahl Wert 2025/2026
Anteil Erneuerbare am Stromverbrauch D (2025 gesamt)rund 56 Prozent
Anteil Erneuerbare Q1 202653 Prozent (wetterbedingt unter 2025)
Solarstromwachstum 2025plus 18,7 Prozent gegenüber 2024
Installierte Windkraft Deutschland Ende 202568.067 Megawatt (29.226 Anlagen)
Neue Windkraft-Genehmigungen 2025Rekord: über 3.300 Anlagen mit 20 GW
Ziel Bundesregierung bis 2030mindestens 80 Prozent erneuerbar

Was Heidelberg konkret tut

Heidelberg will bis 2050 klimaneutral werden. Das ist kein leeres Versprechen, sondern mit konkreten Maßnahmen unterlegt. Die Stadtwerke Heidelberg bauen die Fernwärmeversorgung aus und stellen sie schrittweise auf erneuerbare Quellen um. Das Energiekonzept des Quartiers Hospital-Areal in Rohrbach gilt als Modellprojekt: EH-55-Neubauten, Photovoltaik-Fassadenmodule, Fernwärme-Abwärmenutzung und Ladeinfrastruktur wurden gemeinsam geplant. Auf Dächern städtischer Gebäude, Schulen und Parkhäuser werden Solaranlagen installiert.

Was die Wärmewende für Gebäude bedeutet

Der Wärmesektor ist in Baden-Württemberg mit rund 50 Prozent der größte Anteil am Endenergieverbrauch, noch vor Strom und Mobilität. Das Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWärmeG) des Landes schreibt vor, dass nach einem Heizungstausch mindestens 15 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Quellen stammen müssen. Wärmepumpen, Solarthermie, Pelletheizungen oder Fernwärmeanschluss erfüllen diese Anforderung. Wer umrüstet, profitiert von der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und kann sich kostenlos bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg beraten lassen, auch in Heidelberg.

Was Mieterinnen und Eigentümer in Heidelberg jetzt tun können

Maßnahme Für wen Was es bringt
Balkonkraftwerk Mieter, Eigentümer Bis 800 Watt eigener Solarstrom; seit 2024 kein Vermieter-Veto mehr möglich; Anmeldung beim Netzbetreiber
Ökostromtarif wechseln Alle Sofort ohne Umbau; auf echten Grünstrom (keine Herkunftsnachweise) achten
Heizung modernisieren Eigentümer BEG-Förderung bis 70 % der Kosten; Pflicht nach EWärmeG BW beim Heizungstausch
Fernwärme-Anschluss prüfen Eigentümer in HD Stadtwerke Heidelberg; keine eigene Heizungsanlage nötig; wird zunehmend grüner
Photovoltaik aufs Dach Hauseigentümer KfW-Kredit und Steuerbefreiung für PV-Anlagen bis 30 kWp seit 2023
Energieberatung Alle Verbraucherzentrale BW in Heidelberg, kostenlose Erstberatung

Was kommt nach Strom: Wasserstoff und Mobilität

Die Energiewende endet nicht beim Strom. Für Industrie, Schwerlastverkehr und saisonale Energiespeicherung braucht Deutschland Wasserstoff. Baden-Württemberg mit seiner starken Industrie ist einer der wichtigsten Standorte für die Wasserstoffwirtschaft. BASF in Ludwigshafen, knapp vor Heidelbergs Haustür, plant die schrittweise Umstellung von Steamcrackern auf Elektroöfen und forscht an Geothermie und Windparks auf See. Auch bei der Mobilität verändert sich viel: Das Deutschlandticket hält Hunderttausende im ÖPNV, und Heidelberg baut sein Ladenetz für Elektroautos aus.

Quellen: BDEW, Erneuerbare Energien Q1 2026 · KEA Klimaschutz- und Energieagentur BW · Umweltministerium Baden-Württemberg · Stadtwerke Heidelberg

Foto: Pixabay, Pexels (kostenlos nutzbar)