Wer in Heidelberg ein Museum besucht, das ihn wirklich überrascht und bewegt, sollte in die Voßstraße 2 auf dem Gelände der Psychiatrischen Universitätsklinik gehen. Dort befindet sich die Sammlung Prinzhorn, eine der bedeutendsten und ungewöhnlichsten Kunstsammlungen der Welt. Über 5.000 Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Textilien und Schriften von Patientinnen und Patienten psychiatrischer Einrichtungen, gesammelt im frühen 20. Jahrhundert von einem Arzt, der erkannte, dass hier etwas entstanden war, das die Welt der Kunst verändern würde.
Hans Prinzhorn und die Sammlung
Hans Prinzhorn war Psychiater und Kunsthistoriker, eine ungewöhnliche Kombination. Als er 1919 an die Heidelberger Psychiatrischen Universitätsklinik kam, begann er systematisch Werke von Patientinnen zu sammeln, die in verschiedenen Anstalten in Deutschland, der Schweiz und Österreich entstanden waren. Sein Vorgesetzter, der Psychiater Karl Willmanns, hatte bereits einige Werke gesammelt; Prinzhorn weitete das aus und baute in wenigen Jahren eine Sammlung von über 5.000 Objekten auf.
1922 veröffentlichte Prinzhorn sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“, das sofort großes Aufsehen erregte. Es war das erste Mal, dass die Werke von Psychiatriepatienten nicht als Symptome oder Pathologien beschrieben wurden, sondern als genuine künstlerische Schöpfungen mit eigenem Wert. Das Buch zirkulierte rasch in Künstlerkreisen und erreichte Pablo Picasso, Paul Klee, Alfred Kubin und Max Ernst, die alle von den Arbeiten tief beeindruckt waren.
Die Künstlerinnen der Sammlung
Viele der Schöpfer in der Sammlung sind namentlich bekannt. Einige wurden zu Schlüsselfiguren der internationalen Outsider-Art-Bewegung. August Natterer, bekannt als „Neter“, schuf apokalyptische Visionen von intensiver Bilddichte. Adolf Wölfli baute in seiner kleinen Zelle eine parallele Welt aus Zeichnungen, Noten und Texten, die er zu einer Gesamtkosmologie verband. August Klotz fertigte filigrane Fadenschöpfungen, die architektonische Konstruktionen weit vorwegnehmen. Emma Hauck schrieb ihrem fernen Mann Tausende von Briefen, die sich so dicht überlagern, dass am Ende nur schwarze Flächen bleiben, eine zutiefst berührende Zeugin der Sehnsucht und des Verlustes.
Was Outsider Art bedeutet
Der Begriff „Outsider Art“ bezeichnet Kunst von Menschen, die außerhalb des offiziellen Kunstsystems stehen: ohne Kunstausbildung, ohne Zugang zu Galerien, oft ohne Bewusstsein, dass das, was sie tun, als Kunst gilt. Die Sammlung Prinzhorn ist das historische Fundament dieser Bewegung. Jean Dubuffet, der französische Künstler, der den Begriff „Art Brut“ prägte, bezog sich direkt auf Prinzhorns Sammlung. Die Rehabilitation der Schöpferinnen, die lange anonym blieben oder deren Werke als Symptome ihrer Krankheit abgetan wurden, ist Teil der Arbeit der Sammlung bis heute.
Praktische Infos
| Info | Details |
|---|---|
| Adresse | Voßstraße 2, 69115 Heidelberg (Psychiatrische Universitätsklinik) |
| Öffnungszeiten | Di–So 11–17 Uhr, Mi bis 19 Uhr; Montag geschlossen |
| Eintritt | Regulär und ermäßigt; Kinder unter 18 kostenlos |
| Anreise | Straßenbahn Linie 21/24 bis Neu Heidelberg oder Bunsengymnasium |
| Website | prinzhorn.uni-heidelberg.de |
| Führungen | Öffentliche Führungen und buchbare Gruppenangebote |
Quelle: Sammlung Prinzhorn Heidelberg
Foto: Pexels, Pexels (kostenlos nutzbar)






