Mit sieben Jahren wollte Julia Rogaczewski Ärztin werden, mit zwölf wusste sie, dass es die Herzchirurgie sein würde. Was nach einem kindlichen Berufswunsch klingt, ist für sie Wirklichkeit geworden. Heute arbeitet die junge Medizinerin als Assistenzärztin in der Herzchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg, einem der führenden herzchirurgischen Zentren Deutschlands.
Ihren Weg dorthin hat sie sich konsequent erarbeitet. Schon während des Medizinstudiums an der Universität Bonn war sie über vier Jahre klinisch und wissenschaftlich in der Herzchirurgie tätig, als erste Studentin in einer eigens dafür geschaffenen Position. Sie forschte an der Mayo Clinic in Rochester, arbeitete am Massachusetts General Hospital der Harvard Medical School in Boston, erlebte eine Operation von Tirone David, einem ihrer Kindheitsidole, live am Tisch in Toronto und sprach vor einem amerikanischen Herzzentrum in Austin, Texas.
Herzchirurgie ist eines der letzten großen Fachgebiete der Medizin, in dem Frauen in Führungspositionen noch immer die Ausnahme sind. Julia Rogaczewski hat sich davon nie abbringen lassen, weder von den langen Operationszeiten, die ihr viele als unvereinbar mit einem normalen Leben beschrieben haben, noch von den Momenten, in denen sie die einzige Frau im Raum war.
Seit Kurzem ist Heidelberg ihr neuer Mittelpunkt. Wir haben mit ihr gesprochen, wie dieser Weg wirklich war, was sie in dieser Stadt antreibt und was sie jungen Menschen mitgeben möchte, die gerade dabei sind, ihren eigenen Weg zu finden.
Zur Person
| Info | Details |
|---|---|
| Name | Julia Rogaczewski |
| Position | Assistenzärztin in der Herzchirurgie |
| Klinik | Universitätsklinikum Heidelberg |
| Studium | Medizinstudium an der Universität Bonn |
| Stationen | Mayo Clinic (Rochester), Massachusetts General Hospital/Harvard Medical School (Boston), Toronto, Austin |
| Engagement | Die Chirurginnen e.V.; Stipendien der EACTS und der Aortic Association |
| Ziel | Professur und Chefärztin, mit Schwerpunkt Aortenchirurgie |
Das Interview
Von Bonn nach Heidelberg: Warum ist Ihre Wahl auf das Universitätsklinikum Heidelberg gefallen? War das eine Herzentscheidung oder eine strategische?
Meine Entscheidung für das Universitätsklinikum Heidelberg war sowohl eine Herzensentscheidung als auch das Ergebnis einer sorgfältigen und wohlüberlegten Abwägung. Besonders überzeugt haben mich der international anerkannte Schwerpunkt in der Aortenchirurgie, der mich bereits seit vielen Jahren wissenschaftlich und klinisch fasziniert, sowie das außergewöhnlich breite operative Spektrum der Klinik. Die Möglichkeit, von der konventionellen Herzchirurgie über Herztransplantationen bis hin zu minimalinvasiven und robotischen Verfahren das gesamte Fachgebiet auf höchstem Niveau kennenzulernen, bietet ideale Voraussetzungen für meine ärztliche Weiterbildung. Ebenso wichtig waren für mich die exzellenten Forschungsmöglichkeiten und die strukturierte Facharztausbildung. Mein langfristiges Ziel ist es, mich nicht nur klinisch kontinuierlich weiterzuentwickeln, sondern auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben und perspektivisch eine Professur anzustreben.
Was hat sich verändert, seit Sie nicht mehr Studentin in der Herzchirurgie sind, sondern Assistenzärztin? Was hat Sie in diesem Übergang am meisten überrascht?
Mit dem Wechsel von der Studentin zur Assistenzärztin verändert sich die eigene Rolle grundlegend. Plötzlich trägt man Verantwortung für Patientinnen und Patienten, trifft eigene Entscheidungen und ist fester Bestandteil eines interdisziplinären Teams. Diese Verantwortung motiviert mich jeden Tag aufs Neue und verleiht der täglichen Arbeit eine ganz andere Bedeutung. Besonders positiv überraschte mich, wie herzlich ich in Heidelberg aufgenommen wurde. Von Beginn an hatte ich das Gefühl, Teil eines engagierten Teams zu sein, das Wert auf Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und eine gute Ausbildung legt. Dieser offene und wertschätzende Umgang erleichtert den Einstieg in ein anspruchsvolles Fachgebiet wie die Herzchirurgie enorm.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie am Universitätsklinikum Heidelberg konkret aus? Und welcher Moment eines solchen Tages gibt Ihnen am meisten zurück?
Ein typischer Arbeitstag beginnt früh mit der Frühbesprechung mit dem ganzen herzchirurgischen Team, in der die anstehenden Operationen und Patientenfälle besprochen werden, um 7:30 Uhr, danach folgt die Visite. Anschließend folgen weitere Tätigkeiten auf der Station, im Operationssaal oder auf der Intensivstation. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und spannende klinische Fragestellungen mit sich. Besonders bereichernd ist die enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, von deren Wissen ich täglich lernen kann. Die schönsten Momente sind für mich diejenigen, in denen ich unmittelbar erlebe, welchen Unterschied die Herzchirurgie für das Leben und die Lebensqualität eines Menschen machen kann, sei es nach einer erfolgreichen Operation, wenn sich der Gesundheitszustand eines Patienten sichtbar verbessert, oder wenn ich selbst einen weiteren wichtigen Schritt in meiner operativen Ausbildung machen darf. Es ist ein besonderes Privileg, Teil eines Teams zu sein, das tagtäglich dazu beiträgt, Menschenleben zu retten und Patientinnen und Patienten eine neue Perspektive zu schenken.

Gibt es in Heidelberg bereits einen Moment, der Sie so beeindruckt hat wie damals die Begegnung mit Tirone David in Toronto?
Jede Station meiner bisherigen Ausbildung war auf ihre eigene Weise prägend. Die Begegnung mit Professor Tirone David, einem meiner Kindheitsidole, in Toronto war zweifellos ein außergewöhnlicher Moment, der mich fachlich und persönlich nachhaltig inspiriert hat. Sie hat meinen Wunsch bestärkt, selbst eines Tages einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Herzchirurgie zu leisten, sei es durch wissenschaftliche Innovationen, die Entwicklung neuer Technologien oder die Verbesserung operativer Verfahren. Gleichzeitig beeindruckt mich in Heidelberg täglich die außergewöhnliche Expertise des gesamten Teams. Die Möglichkeit, an einem Zentrum zu arbeiten, das international Maßstäbe in der Herzchirurgie setzt, und dabei von führenden Herzchirurginnen und Herzchirurgen zu lernen, ist für mich jeden Tag aufs Neue inspirierend. Ich glaube, dass nicht nur einzelne Begegnungen, sondern vor allem die kontinuierliche Zusammenarbeit mit exzellenten Mentorinnen und Mentoren eine chirurgische Laufbahn nachhaltig prägt.
Sie haben beschrieben, dass Sie oft die einzige Frau im Raum waren. Wie ist das heute in Heidelberg? Hat sich die Atmosphäre verändert?
Die Herzchirurgie ist nach wie vor ein Fachgebiet, in dem Frauen noch unterrepräsentiert sind. Ich nehme jedoch einen klaren und sehr positiven Wandel wahr. Immer mehr Frauen entscheiden sich für die Herzchirurgie und übernehmen Verantwortung in Klinik, Forschung und Lehre. Dieser Veränderungsprozess braucht Zeit, entwickelt sich aber kontinuierlich in die richtige Richtung. In Heidelberg erlebe ich eine sehr wertschätzende und kollegiale Arbeitsatmosphäre, in der Kompetenz, Engagement und Teamarbeit im Vordergrund stehen. Darüber hinaus engagiere ich mich aktiv im Verein Die Chirurginnen e.V., der sich für die Förderung, Vernetzung und Sichtbarkeit von Chirurginnen einsetzt. Solche Initiativen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, junge Ärztinnen zu ermutigen und langfristig mehr Diversität in der Chirurgie zu fördern. Ich hoffe sehr, dass sich immer mehr junge Ärztinnen für dieses faszinierende Fach entscheiden und dadurch die Vielfalt innerhalb der Herzchirurgie weiter zunimmt.
Was würden Sie einer jungen Medizinstudentin konkret raten, die denselben Weg gehen will, aber das Gefühl hat, nicht dazuzugehören?
Ich würde ihr sagen, dass sie sich niemals von Zweifeln oder den Erwartungen anderer von ihrem Ziel abbringen lassen sollte. Entscheidend sind nicht das Geschlecht und die Herkunft, sondern die Leidenschaft, die Ausdauer und die Bereitschaft, kontinuierlich zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Es lohnt sich, früh praktische Erfahrungen zu sammeln, Mentorinnen und Mentoren zu suchen und Chancen aktiv wahrzunehmen, auch im Ausland. Ebenso empfehle ich, sich früh in Fachgesellschaften zu engagieren und aktiv Netzwerke aufzubauen. Diese ermöglichen nicht nur wertvolle Kontakte, sondern eröffnen häufig auch wissenschaftliche und internationale Fördermöglichkeiten. Ich selbst engagiere mich in mehreren nationalen und internationalen Fachgesellschaften und hatte die Ehre, unter anderem renommierte Stipendien der European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS) sowie der Aortic Association zu erhalten. Diese Erfahrungen haben meinen fachlichen und persönlichen Werdegang maßgeblich geprägt. Vor allem aber sollte man sich nicht mit anderen vergleichen. Jeder Weg ist individuell. Wenn man mit Überzeugung für seine Ziele arbeitet und konsequent dranbleibt, kann man sehr viel erreichen.
Sie haben das Ziel, Professorin und Chefärztin zu werden. Was reizt Sie daran mehr: forschen und Wissen weitergeben, oder das Fach aktiv mitgestalten?
Für mich gehören diese Aspekte untrennbar zusammen. Die Patientenversorgung steht immer im Mittelpunkt meines Handelns. Gleichzeitig sehe ich Forschung als wesentlichen Motor des medizinischen Fortschritts. Mich begeistert die Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in die klinische Praxis zu übertragen und dadurch die Versorgung von Patientinnen und Patienten langfristig zu verbessern. Ebenso wichtig ist mir die Ausbildung der nächsten Generation von Ärztinnen und Ärzten im Rahmen der Assistenzarztzeit. Langfristig möchte ich das Fach sowohl wissenschaftlich als auch klinisch mitgestalten und Verantwortung für Innovation, Lehre und exzellente Patientenversorgung übernehmen. Dabei sehe ich auch das Engagement in wissenschaftlichen Fachgesellschaften als wichtigen Bestandteil einer akademischen Laufbahn, da dort Innovationen, internationale Zusammenarbeit und die Weiterentwicklung unseres Fachgebiets aktiv gestaltet werden können.
Gibt es eine Forschungsfrage oder ein herzchirurgisches Problem, das Sie persönlich besonders beschäftigt?
Mich faszinieren insbesondere Erkrankungen der thorakalen Aorta sowie die Frage, wie operative Verfahren durch technische Innovationen weiter verbessert werden können. Darüber hinaus interessieren mich minimalinvasive und robotische Operationsverfahren sowie neue Technologien, die chirurgische Eingriffe sicherer und präziser machen. Besonders beschäftigt mich die Frage, wie wir Aortenerkrankungen früher erkennen können. Aortenaneurysmen verlaufen häufig lange symptomlos und zählen deshalb zu den sogenannten silent diseases. Nicht selten werden sie erst diagnostiziert, wenn bereits eine lebensbedrohliche Aortendissektion eingetreten ist. Ich bin überzeugt, dass in der Früherkennung und der Identifikation von Risikopatientinnen und -patienten enormes Potenzial liegt, um schwere Verläufe zu verhindern. Ein zentrales Ziel ist für mich, durch Forschung dazu beizutragen, Behandlungsergebnisse weiter zu verbessern und Innovationen möglichst schnell in den klinischen Alltag zu übertragen. Langfristig möchte ich an der Schnittstelle zwischen klinischer Exzellenz, wissenschaftlicher Forschung und technologischem Fortschritt arbeiten und so die Zukunft der Herzchirurgie aktiv mitgestalten.
Herzchirurgie gilt als eines der zeitintensivsten Fächer. Wie sieht Ihr Leben außerhalb des Klinikums aus? Was hilft Ihnen, loszulassen?
Die Herzchirurgie ist zweifellos ein sehr anspruchsvolles Fach, weshalb der Ausgleich besonders wichtig ist. Für mich bedeutet Reisen die beste Möglichkeit, neue Perspektiven zu gewinnen und Kraft zu tanken. Ich hatte bereits die Gelegenheit, mehr als 50 Länder zu bereisen und unterschiedliche Gesundheitssysteme sowie Kulturen kennenzulernen. Diese Erfahrungen bereichern mich nicht nur persönlich, sondern erweitern auch meinen Blick auf die Medizin. Außerdem verbringe ich gerne Zeit mit der Familie und nutze freie Momente, um Sport zu treiben oder neue Orte zu entdecken.
Heidelberg ist eine Stadt, die viele Menschen prägt. Haben Sie sich hier schon ein Stück Heimat geschaffen?
Ja, definitiv. Ich habe mich vom ersten Tag an in Heidelberg sehr wohlgefühlt. Die Stadt verbindet auf einzigartige Weise Wissenschaft, Geschichte und Internationalität. Diese internationale und zugleich akademische Prägung macht die Stadt zu einem Ort, der sehr gut zu mir passt, sowohl persönlich als auch beruflich. Gleichzeitig herrscht eine sehr offene und inspirierende Atmosphäre, die den Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt erleichtert hat. Heidelberg fühlt sich für mich bereits jetzt ein Stück weit wie ein Zuhause an.
Heidelberg ist eine Universitätsstadt, in der viele junge Menschen gerade dabei sind, ihren Weg zu finden. Was möchten Sie ihnen mitgeben, ganz persönlich?
Ich möchte jungen Menschen mitgeben, den Mut zu haben, ihren eigenen Weg konsequent zu verfolgen und Chancen zu ergreifen. Große Ziele wirken oft zunächst unerreichbar, doch sie werden durch viele kleine Schritte Realität. Wer neugierig bleibt, Chancen ergreift, hart arbeitet und an sich selbst glaubt, kann sehr viel erreichen. Man sollte sich nicht von den Erwartungen anderer begrenzen lassen. Oft liegen die größten Möglichkeiten genau außerhalb der eigenen Komfortzone.
Das Interview führte die Redaktion von heidelbergexpress.de.
Fotos: privat





